Wenn sich die Sonne über dem Stausee Dobra senkt, tauchen aus den Schatten die Schiffe der Wikinger auf. Wollen sie Handel treiben? Die Burg überfallen? Sind sie auf Entdeckungsreise?

Wikinger auf dem Dobraer Stauersee? Kann nicht sein, sagt der Verstand. Warum eigentlich nicht,
fragt die Fantasie.

Wenn die Wikinger im 9. Jahrhundert Paris erobern konnten, wenn ihre Schiffe sie nach Nordafrika, nach Vorderasien und Nordamerika trugen, warum dann nicht auch nach Niederösterreich? Von der Nordsee über den Rhein, den Main und die Donau nach Altenwörth und von dort aus den Kamp flussaufwärts … möglich scheint das schon. Aber auch recht umständlich.

Und so bringt der Klangraum Dobra 2026 die Wikinger knapp 1000 Jahre, nachdem sie den Kamp nicht befahren haben, nun doch nach Niederösterreich: Nicht auf dem Flussweg, sondern mit ihren Geschichten, denn von ihren Helden- und Gräueltaten zeugen die altnordischen Sagas, denen sich der diesjährige Klangraum widmet.

Dass in der Gesellschaft der Wikinger auch Platz für starke Frauen war, zeigt Stefanie Reinsperger am 3. Juli 2026. Mit der „Hervarar Saga“ führt sie uns ein in die Welt der Vorzeitsagas, in kriegerische Auseinandersetzungen des 4. und 5. Jahrhunderts, in denen die Schildmaid Hervör blutige Schlachten schlägt – mit einem mythischen Schwert, das, sobald es gezückt wird, töten muss.
Wie eng Freiheit und Gefahr beisammen liegen, erfahren wir am 4. Juli von Cornelius Obonya. Er liest aus der berühmten Isländersaga um Grettir den Starken, den (Anti-)Helden der altnordischen Literatur, und sein Leben in der Verbannung: Für Gewalttaten aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, zieht er vogelfrei durch die Welt und muss sich gegen lebende und untote Widersacher beweisen. Eine Abenteurergeschichte par excellence!
Aber der altnordische Kulturraum hat noch weit mehr zu bieten als Sagas, die sich um Wikinger drehen. Schließlich bildeten die Wikinger selbst in ihrer Hochzeit nur einen kleinen Teil der skandinavischen Bevölkerung und ihre Raubzüge kamen schon im 11. Jahrhundert zu einem Ende. In den Lügensagas aus dem nordischen Spätmittelalter überlassen sie das Feld fantastischen Kreaturen und ungeheuren Fabelwesen. Am 5. Juli 2026 erzählt Michael Köhlmeier von Riesen, Trollen und Drachen, die nicht nur zufällig an die Fantasiewelten von J.R.R. Tolkien und George R.R. Martin erinnern. Der Ursprung der modernen Fantasy-Literatur, er liegt im hohen Norden begründet.

Musikalisch in Szene gesetzt werden die drei Abende wie in den letzten Jahren vom hochkarätig besetzen Ensemble Leones unter der Leitung von Marc Lewon, heuer unter anderem mit Miriam Andersén und Anna Rynefors, Spezialistinnen für altnordische Musik. Zu ihrem Repertoire gehören nordische Balladen, Lieder und Skaldendichtung (altisländische und altnorwegische Gedichte) mit einem besonderen Fokus auf die Rolle von Musikerinnen in der Musikgeschichte.
Die altnordische Literatur ist kein einheitliches Genre. Ihre Geschichten sind über mehrere Jahrhunderte und an verschiedenen Orten entstanden und sie beziehen sich auf unterschiedliche geschichtliche Epochen. Und auch die Musik, die beim Klangraum Dobra 2026 zu hören sein wird, stammt aus verschiedenen Zeiten. Vom nordischen Frühmittelalter, auf das sich die Vorzeitsagas beziehen, über das Hochmittelalter, aus dem die Isländersagas stammen, bis ins Spätmittelalter mit seinen Lügensagas führt das Ensemble Leones durch die musikalischen Klangwelten der Wikinger und des hohen Nordens, die sich mit der historischen Kulisse der Ruine Dobra verbinden.

Und wenn die Nacht hereingebrochen ist, scheint es fast, als wären die Wikinger mitten unter uns.
Die Wikinger auf dem Dobraer Stausee? Wo denn sonst, sagen wir.

Ich freue mich auf Ihren Besuch!
Ihr Thomas Bieber

Klangraum Dobra

Im Herzen des Waldviertels in der mystischen Landschaft des Kampsee Dobras gelegen, bietet sich dem Besucher ein österreichweit einzigartiges Festivalerlebnis.

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